Design23.08.2026

Luigi Colani: was es kostet, vierzig Jahre zu früh recht zu haben

Kemal Duran erklärt vor einer kleinen Runde, darüber die Zeile Radikal in der Sache, verständlich in der Übergabe
Der Satz, der für mich von Colani übrig bleibt. Mit KI erstellt.

Ein Video von @8erko hat mich diese Woche in ein Thema gezogen, das ich seitdem nicht mehr loswerde. Es geht um Luigi Colani, und um die Frage, was es kostet, zu früh recht zu haben.

Wer war der Mann mit dem weißen Anzug

Geboren 1928 in Berlin als Lutz Colani, gestorben am 16. September 2019 in Karlsruhe, 91 Jahre alt. Dazwischen: Aerodynamik-Studium in Paris in den späten Vierzigern, wo er sich mit der Frage beschäftigte, warum Vögel fliegen können und Flugzeuge dafür Gewalt brauchen. Danach Karosserien für Fiat, Alfa Romeo, Lancia, VW und BMW. Ab 1971 Lastwagen, weil ihn störte, dass ein Lkw wie ein Schrank durch die Luft gedrückt wird. 1976 der RFB Fanliner, das erste Kunststoff-Sportflugzeug mit Wankelmotor. 1982 zieht er nach Japan und lehrt in Tokio. Rund zwei Jahrzehnte arbeitet er als Design-Berater für die NASA.

In Deutschland galt er trotzdem lange als der Mann, der runde Sachen macht.

Der Beleg, den keiner wegdiskutieren konnte

1981 nimmt Colani ein Serienchassis eines Citroën 2CV, lässt Motor und Technik unangetastet und baut eine eigene Karosserie darum. Flügelprofil, winzige Stirnfläche, kaum Anbauteile, hinten die Kamm-Abrisskante. Dazu Goodyear-Reifen mit geringem Rollwiderstand.

Auf dem Contidrome von Continental fährt dieses Auto 1,7727 Liter auf 100 Kilometer, bei konstant 66 km/h.

Der Wert ist ein Messwert bei gleichbleibendem Tempo, kein Alltagsverbrauch, und genau so gehört er gelesen. Trotzdem bleibt das Ergebnis unbequem: Ohne einen einzigen neuen Motor, allein über die Form, sank der Verbrauch auf einen Bruchteil. 1981. In einem Jahrzehnt, in dem die Branche Aerodynamik noch für Kosmetik hielt.

Die Kamera, die deine Hand kennt

1986 kommt die Canon T90 heraus, von Colani gestaltet. Es ist die erste Kamera, die vom Griff her gedacht wurde und nicht vom Gehäuse. Statt Metall und hartem Plastik setzt er auf Polycarbonat, weil sich damit fließende Formen bauen lassen. Colani hat später erzählt, er habe zwei Jahre gebraucht, um Canon klarzumachen, dass eine Kamera zwischen einer menschlichen Hand und einem menschlichen Auge sitzt und deshalb auf beiden Seiten Ergonomie braucht.

Im selben Jahr bekommt die T90 die Goldene Kamera. Damals nannten Kritiker sie trotzdem ein Plastikding. Heute trägt jede Canon-Spiegelreflex diese Erbschaft im Gehäuse, und dieselbe Denkweise steckt in deiner Maus, deinem Controller und deinem Telefon.

Von der Natur lernen heißt nicht, sie abzumalen

Das ist der Punkt, an dem die meisten Colani missverstehen, auch die, die ihn mögen. Seine Autos sahen nach Delfin aus und seine Flugzeuge nach Vogel, aber die Ähnlichkeit war nie das Ziel. Sie war das Ergebnis. Ein Körper, der sich seit Millionen Jahren durch ein Medium bewegt, hat die Aufgabe längst gelöst, an der ein Ingenieur gerade sitzt. Wer das ernst nimmt, kopiert keine Form, sondern übernimmt eine Lösung.

Deshalb ist der 2CV von 1981 kein Kunstobjekt. Er ist ein Beweisstück.

Zeitachse zu Luigi Colani von 1928 bis 2019 mit sechs Stationen, hervorgehoben der Verbrauch von 1,7727 Litern auf 100 Kilometer
Sechs Stationen, eine Linie. Der Verbrauchswert von 1981 stammt von einer Messfahrt bei konstant 66 km/h.

Die Regel, die er gebrochen hat

Es gibt einen Satz, den fast jeder Industriedesigner kennt. Raymond Loewy nannte ihn MAYA: Most Advanced Yet Acceptable. Sei so weit vorn, wie die Leute es gerade noch aushalten. Nicht weiter.

Colani hat den zweiten Teil gestrichen.

Das ist der ganze Konflikt in einem Satz. Er hatte sachlich recht und hat trotzdem verloren, jahrzehntelang, weil er die Übersetzung ausgelassen hat. Wer nichts mehr versteht, redet klein. Aus Biodesign wurde in deutschen Feuilletons der Vorwurf, das sei alles nur rund.

Was ich daraus mitnehme

Zwei Dinge, und beide haben nichts mit Autos zu tun.

Erstens die Marke. Dieter Rams war Braun. Colani war Colani. Weißer Anzug, Zigarre, eigener Name auf jedem Entwurf, Jahrzehnte bevor irgendwer das Wort Personal Branding in den Mund genommen hat. Er hat verstanden, dass ein Designer, der nur für Firmen sichtbar ist, mit der Firma verschwindet. Diese Lektion ist heute mehr wert als damals, weil sie inzwischen für fast jeden Beruf gilt.

Zweitens die Akzeptanzfrage. Ich habe MAYA lange für Feigheit gehalten. Nach diesem Video halte ich sie für Timing. Der Unterschied zwischen einer Idee, die wirkt, und einer, die belächelt wird, liegt selten in der Idee. Er liegt darin, ob jemand die Brücke baut, über die andere hinüberkommen. Colani hat die Brücke nicht gebaut. Die Branche ist trotzdem irgendwann bei ihm angekommen, nur eben vierzig Jahre später und ohne ihn.

Für die eigene Arbeit heißt das: radikal in der Sache, verständlich in der Übergabe. Beides zusammen ist die Arbeit. Eins davon allein ist entweder langweilig oder einsam.

Quellen

Der Anstoß kam aus dem Video von @8erko auf TikTok. Die Zahlen und Daten habe ich danach selbst nachgeschlagen:

Text und Bilder sind mit KI erstellt. Das Foto ist ein Stimmungsbild, kein Beleg für ein bestimmtes Ereignis.

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